2013 ist Michaels Mutter an Krebs erkrankt. Er begleitete sie entlang ihres Weges und pflegte sie zwei Jahre lang, bis sie 2015 leider ihrer Krankheit erlag. Eine große Verantwortung, die mit zahlreichen Herausforderungen und neuen Erfahrungen einhergeht und die ihn sehr viel stärker gemacht haben und das Leben aus einem völlig neuen Blickwinkel betrachten lassen.

Transkript Kurvenkratzer Interview mit Mike Steinlechner
Wie bist Du von Krebs betroffen?
Meine Mutter ist an Krebs erkrankt. 2013. Und so bin ich in das Thema leider hineingerutscht und hab damals für mich den Weg gewählt, dass ich meine Mutter während der Krankheit begleite. Ich habe sie dann auch selbst gepflegt bis sie 2015 dann leider verstorben ist.
Die Diagnose haben wir 2013 bekommen. Es war relativ schwierig weil meine Mutter immer auf einen Oberarmbruch behandelt wurde der nicht besser wurde. Der Bruch ist einfach nicht verheilt bis dann irgendwann mal bei der dritten Untersuchung ein Radiologe mal gesagt hat, ihm komme das Röntgenbild doch sehr sehr komisch vor. Daraufhin hat man noch ein bißchen genauer geschaut und festgestellt dass der Knochen von einem Tumor zerfressen war. So hat man das leider erst sehr spät entdeckt.
3 Tipps an Dein jüngeres Ich:
3 Tipps an mein Jüngeres Ich…
Ich würde auf jeden Fall, wenn ich noch mal in der Situation wäre, noch mehr fragen und noch mehr fordern. Man ist als Angehöriger immer ein bißchen vorsichtig weil man spricht ja mit einem Arzt, einem Onkologen, und das ist ja eine Institution.
Der weiß es und ich kenn mich ja nicht aus. Also das würd ich ganz sicher machen.
Ich würde noch mehr andere Menschen um Hilfe bitten. Ich würde einfach noch viel mehr Dinge die ich selbst erledigt habe, weil es sich einfach auch ausgegangen ist, von anderen erledigen lassen – wenn sich wer anbietet.
Was ich meinem jüngeren Ich auch empfehlen würde wäre sich vielleicht doch – und das klingt jetzt vielleicht ein bißchen hart – noch früher mit den möglichen Konsequenzen auseinander zu setzen. Weil ich glaube, dass man das wiederum dem Erkrankten dann recht gut zeigen kann: „Hey schau, ich bin darauf eingestellt. Ich weiß was passieren kann. Um mich mach Dir keine Sorgen weil ich weiß wie ich damit umgehe. Egal was passiert.“
Das wären so die drei wichtigsten Dinge.
Was ist das Besondere an Deiner Geschichte?
Ja das Besondere an meiner Geschichte für mich war das Entscheiden.
Sich die Frage zu stellen: will man den Weg jetzt gemeinsam, in dem Fall mit meiner Mutter, gehen oder will man das ein bisschen auslagern. Und ich hab für mich sehr schnell entschieden, dass ich den Weg auch wenn es nicht leicht ist – eine schlechtere Situation kann man sich nicht vorstellen – selber mit ihr gehen will. So gut es geht. Wo ich halt selber helfen kann. Um nicht später vielleicht in die Versuchung zu kommen darüber nachzudenken, ob ich irgendwas nicht getan habe was in meiner Macht gestanden wäre.
Und was halt sicher sonst noch besonders ist : wie man sein eigenes persönliches Umfeld besser kennenlernt. Also ich hab dann, ganz abgesehen von meinem Onkel der für mich schon immer einer von den wichtigsten Personen war und in der Zeit halt noch einmal alles überstrahlt hat, weil wenn ich wen gebraucht habe ein Anruf genügt hat und der war da…Aber auch viel meine Freunde und deren Familie, die da wirklich auf uns zugekommen sind und uns Hilfe angeboten haben und halt vor allem auch mir immer gesagt haben „Hey wenn Du Unterstützung brauchst, oder wenn wir dir das machen können oder das …dann helfen wir dir gerne.“
Hat Dich Dein Weg verändert?
Mich persönlich hat die Krankheit in dem Sinn betroffen, dass ich natürlich am Anfang in eine Hilflosigkeit gefallen bin. Kein Mensch will dass die Mama stirbt, logischerweise. Und dann auf der anderen Seite hat es gleich ganz viel ausgelöst in die Richtung dass man jetzt halt helfen muss weil wir im engsten Familienkreis eine sehr kleine Familie waren – also es hat da halt meine Mama, mich gegeben und meinen Onkel und seine Familie. Und dann merkt man halt sehr schnell dass man jetzt derjenige ist, der da versuchen muss so gut es geht zu helfen. Am Anfang weiß man halt nicht so recht wie man hilft außer dass man natürlich gut zuredet und sagt „das schaffen wir schon. Das wird schon wieder.“ Und man da auch sehr genau zuhört was einem die Ärzte sagen und versucht das Beste aus der Situation zu machen.
Was waren die drei größten Herausforderungen?
Also die 3 größten Herausforderungen in der Zeit war sicher einmal die Organisation vom Alltag. Eigentlich hat ein Leben lang meine Mama geschaut dass mein Leben funktioniert, das war sicher nicht immer ganz einfach, aber auf einmal gibt es so eine…ja … es kehrt sich einfach um.
Weil Du musst Dich darum kümmern, dass etwas zum Essen daheim ist, dass die Wohnung sauber ist, dass die Wäsche gewaschen ist …
Dann war auch eine riesen Herausforderung, dass man diese Termine koordiniert:
ins Krankenhaus fahren zu einer Chemotherapie, die Untersuchungen, dann fährt man zu CTs…
dann auch so Dinge an die man vielleicht nicht gleich denkt: Wo kann ich da parken? Sind da viele Stufen zu gehen? Weil das war dann für die Mama auch schon schwieriger ..

Und was auch eine riesen Herausforderung ist man muss, weil man das vorher ja auch nicht gemacht hat, erst mal damit umgehen können dass man von diversen Krankenanstalten und Instituten Rechnungen kriegt und die dann auch irgendwo einreichen muss, damit man wieder Geld zurück bekommt. Das sind alles Dinge mit denen hat man sich vorher nicht beschäftigt. Man hat aber in der Zeit gar nicht so die Möglichkeit sich darüber zu informieren, weil Du ja eigentlich komplett mit dem täglichen Leben beschäftig bist. Dass das funktioniert. Und jetzt musst Du Dir dann auch noch selbst beibringen wir das Vergütungssystem mit Krankenkassen bei uns funktioniert. Also das war sicher auch eine riesen Challenge.
Ich meine was große Herausforderungen sind, ist alles was in Richtung Körperpflege geht. Wenn man selbst pflegt dann gehört das einfach dazu. Da bin ich schon oft an Grenzen gestoßen auch wenn ich dann nachher geschafft habe diese zu überwinden und die dann irgendwann einmal auch Normalität geworden sind …aber die ersten Kontakte wenn man die eigene Mama das erste Mal in die Badewanne hebt und dann halt auch wäscht und so weiter … das sind am Anfang ganz riesen Barrieren die sich da in einem innerlich auftun, weil es wieder diese Umkehr ist. Es fühlt sich falsch an weil das immer anders war. Und grade bei uns war es halt so dass die Pflege von außen für meine Mama ein schwieriges Thema war. Sie wollte erstens nicht zeigen dass sie das braucht und schon gar nicht an irgendwelche Fremde auslagern. Das war halt einfach etwas das sie nicht wollte.
Und der zweite Punkt der für meine Mom wirklich schlimm war, war diese seelische, psychische Belastung. Erstens du hast so eine schwere Krankheit und du hast immer diese Termine. Du weißt: in drei Wochen fahre ich wieder zur Chemo. Und dann ist es schon in der Früh los gegangen, sie hat gewußt heute ist der Tag und jetzt gehen wir gleich zum Auto runter, und dann fahren wir ins Krankenhaus und dann setzt dich dort hin und dann wird dir der Zugang gelegt und dann sitzt halt dort und wartest bis die Chemo verabreicht worden ist. Und sie hat wirklich ganz starke Ängste dagegen aufgebaut. Und das waren immer die Tage an denen es ihr mit Abstand am Schlechtesten gegangen ist. Und an denen ihr schon im Vorfeld alles weh getan hat und sie wollte gar nicht ins Auto runter gehen – und das ist halt für Angehörige eine ganz blöde Situation, weil Du ja weißt: aber nur wenn wir diesen Weg jetzt schaffen und uns dort hinsetzen haben wir eine Chance dass es besser wird. Da muss man sich vorstellen, wenn man mehrere Chemozyklen durchmacht wie oft man da gestochen wird, du entwickelst da als Patient ja eine Aversion gegen jeden, der mit einer Nadel in deine Nähe kommt. Gegen Ende, da ihr rechter Arm durch die lange Fehldiagnose eigentlich unbrauchbar war, wurden keine Venen mehr gefunden. Jetzt haben sie alles am linken Arm machen müssen und irgendwann findest dort auch keine mehr und dann muss halt auch eine erfahrene Schwester vielleicht einmal öfter stechen und das sind wieder Schmerzen. Das baut sich dann so auf. Und am Ende wollte sie einfach keine Ärzte mehr sehen und keine Nadeln mehr sehen und einfach daheim sein und ihre Ruhe haben.
Was gibst Du anderen, denen der Weg noch bevor steht, mit auf den Weg?
Ist glaub ich immer schwierig, weil alle Situationen ganz eigen und speziell sind und das einfach nie wirklich vergleichbar ist. Aber was ich jedem raten würde ist: Sucht Euch so viel Hilfe wie ihr bekommen könnt und tauscht euch mit anderen aus, die diese Erfahrung schon gemacht haben. Weil eigentlich das Blödeste was man machen kann ist, wenn man es alleine lösen will und nur der eigene Weg ist der gscheiteste. Hört Euch zumindest Meinungen an und entscheidet dann was für Euch der richtige Weg ist, damit ihr gut durch diese scheiß Zeit kommt. Das ist sicher das Wichtigste das man wem raten kann.
Wie hilfst Du Dir selbst wenn es Dir schlecht geht?
Ich denk voll gern an die guten Sachen in meinem Leben und das sind relativ viele zum Glück. Das sind ganz unterschiedliche Dinge: entweder Momente die für mich selber einfach geil waren oder ich denke an meine Freunde die ich einfach extrem gern hab. Was ich mit denen schon alles aufgeführt habe! Was mir auch total viel hilft ist die Beziehung zu meinem Onkel und zu seiner Family.
Ganz viel auch meine Freundin die mir da extrem viel Kraft gibt und auch ihre Family die mich da schon begleitet hat in der Zeit wo es meiner Mama schlecht gegangen ist. Die mich einfach auch aufgenommen hat. Wo ich aus dem Nichts eine riesengroße neue Family mit einem Haufen lieber Leute, die alles für mich tun würden, gefunden habe ohne danach gesucht zu haben. Und das ist eigentlich das allercoolste dran!
Was ist Gutes aus Deiner Geschichte entstanden?
Man lernt einfach Dinge schon mehr zu schätzen. Und man wird nicht mehr so ganz leicht erregbar durch Dinge die, mit einem Schritt zurück betrachtet, extrem banal sind und unwichtig.
Weil es einfach so viel Größeres gibt.